Nachdem ich meiner Schwester ein Exemplar meines soeben veröffentlichten ersten Romans › zugeschickt hatte, wartete ich gespannt auf ihre Reaktion – einmal, weil ich weiß, dass sie eine kritische Leserin ist, und natürlich auch, weil mir die Meinung meiner großen Schwester wichtig ist.
Und als ihre Beurteilung dann doch sehr positiv ausfiel, war ich natürlich hoch erfreut.
Inspirierende Lektüre
Noch mehr gefreut aber habe ich mich, dass sie mir kurz danach zwei Bücher geschickt hat, die ihr besonders gefallen hatten und die, so schrieb sie mir, mich bei eventuellen neuen Schreibprojekten vielleicht inspirieren könnten.
Nach der Lektüre der beiden Bücher muss ich allerdings sagen: ob ich je imstande wäre, so ungewöhnliche und besondere Texte zu verfassen, wage ich sehr zu bezweifeln!
Unbedeutende Alltagsszenen werden zu Literatur
Beim kleineren der beiden Bücher handelt es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten des Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel ›› : Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen, in denen der Autor unbedeutende Begebenheiten aus dem Alltag einfacher Leute auf faszinierende Weise in Literatur verwandelt. In maximal fünf Seiten langen Miniaturen gelingt es dem Autor, aus banalen Situationen kleine literarische Kunstwerke zu schaffen.

Hier ein Auszug aus der titelgebenden Geschichte:
»Frau Blum möchte nicht, dass der Milchmann schlecht von ihr denkt, auch möchte sie nicht, daß er mit der Nachbarin ins Gespräch käme. Aber niemand kennt den Milchmann, in unserem Quartier niemand. Bei uns kommt er morgens um vier. Der Milchmann ist einer von denen, die ihre Pflicht tun. Wer morgens um vier die Milch bringt, tut sein Pflicht, täglich, sonntags und werktags. Wahrscheinlich sind Milchmännder nicht gut bezahlt und wahrscheinlich fehlt ihnen oft Geld bei der Abrechnung. Die Milchmänner haben keine Schuld daran, daß die Milch teurer wird.
Und eigentlich möchte Frau Blum den Milchman gern kennenlernen.
Der Milchmann kennt Frau Blum, sie nimmt 2 Liter und 100 Gramm und hat einen verbeulten Topf.«
Peter Bichsel wurde durch dieses Buch sofort international bekannt, es wurde in viele Sprachen übersetzt, und 1965 erhielt er dafür den Literaturpreis der Gruppe 47. Es ist ein großartiges Buch, sehr ungewöhnlich und eine wunderbare Anregung für jeden, der Schreibambitionen hat.
Eins der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe
Noch mehr fasziniert aber hat mich das zweite Buch. Es heißt Singe ich, tanzen die Berge und geschrieben hat es die katalanische Schriftstellerin Irene Solà ›› , die für diesen Roman 2020 den Europäischen Literaturpreis erhalten hat. Es ist eins der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Und es beginnt so:
»Wir kamen mit vollen Bäuchen. Prallvoll. Schwarze Leiber, schwer von dunklem, kaltem Wasser und Blitz und Donner. Wir kamen vom Meer und von anderen Bergen und wer weiß woher noch und hatten wer weiß was gesehen.«
Das Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Ich hatte weder von dem Buch noch von der Autorin je gehört. Inzwischen weiß ich, es ist ihr zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übersetzt worden ist. Sie beschreibt darin in einer rauen und gleichzeitig poetischen Sprache eine Realität, die sich mit einer vielstimmigen Legenden-und Sagenwelt vermischt.
Einzelne Erzählstränge verweben sich miteinander
Das Buch besteht aus achtzehn Erzählsträngen, die sich immer mehr miteinander verweben. Es beginnt mit der Rede der Gewitterwolken, die bei ihrem Zug über die Gipfel der Berge, über die Äcker und Flüsse Angst und Schrecken verbreiten und Tiere und Bäume verstummen lassen.
»Nach unserer Ankunft und der Stille und dem Druck, nachdem wir die dünne Luft tief nach unten gepresst hatten, schossen wir den ersten Blitz ab. Zasss! Eine Erleichterung.«
Der zweite Blitz trifft den dichtenden Bauern Domènec, der sich, trotz der angstvollen Bitten seiner Frau, zuhause zu bleiben, auf den Weg gemacht hat, um ein Kalb, dessen Schwanz sich im Stacheldraht verfangen hat, zu befreien. Das Messer, das er dafür aus der Tasche holt, zieht den Blitz an: »Das Messer hatte den Blitz gerufen, und der weiße Blitz hatte auf den Kopf des Mannes gezielt, ins Schwarze getroffen und ihm das Haar in der Mitte gescheitelt, und die Kühe waren panisch geflohen, wie in einer Komödie.«
Eine Herausforderung für den Leser
Domenèc hinterlässt seine Frau Siò, die nun die beiden Kinder allein großziehen und sich um ihren gebrechlichen Schwiegervater kümmern muss. Das geschieht in den insgesamt vier Teilen des Romans, die jeder in vier oder fünf einzelne Geschichten unterteilt sind.

Es ist eine Herausforderung für den Leser, jeweils zu erkennen, um wen es dabei geht, wer spricht, in welcher Zeit wir uns befinden. Zu Wort kommen Eltern, Kinder, Tiere, Geister, der Wald und der Fluss, die Berge und die Wolken, Pilze und vier weise Frauen, die schon vor langer Zeit als Hexen aufgehängt worden sind.
Wer (oder was) spricht hier?
So hat mich der Beginn der dritten Geschichte, die mit Die Trompeten überschrieben ist, einigermaßen verwirrt, weil ich lange nicht verstanden habe, wer da eigentlich spricht:
»Der Hut der einen ist der Hut aller. Das Fleisch der einen ist das Fleisch aller. Das Gedächtnis der einen ist das Gedächtnis aller. Die Dunkelheit. Ja, die Dunkelheit. Wie eine Umarmung. Köstlich. Schützend. Bergend. Wie ein Sturz. Werdend. Die Erde. Wie eine Decke. Wie eine Mutter. Schwarz. Feucht. Wir alle hier sind Mütter. Wir alle sind Schwestern. Tanten. Cousinen. Und dann kommt der Regen. Wir erinnern uns an den Regen. Den Regen auf der Haut, auf dem dunklen Hut derer, die ihn empfingen. Mmmmmh, machten sie. Mmmmmh, und tranken ihn. Als Erste. Mmmhhh sagten wir, mmmhhh, Regen. Und tranken ihn. Wir tranken ihn mit den biegsamen Trompeten, die wir früher hatten. Wir trinken ihn mit den schwarzen Trompeten, die wir jetzt haben …«
Erst allmählich und beim Weiterlesen habe ich verstanden, dass hier die Pilze sprechen, die Totentrompeten, die der vom Blitz erschlagene Domènec vor seinem Tod gesammelt hat und die die Hexen, die das Unglück beobachtet haben, ihm dann abgenommen haben.
Ein Reh erzählt vom Augenblick seiner Geburt
Oder die Geschichte vom Reh, das vom Augenblick seiner Geburt erzählt: »Drinnen war es sehr warm, sehr dunkel und sehr eng. Mein Bruder mit seinen langen Läufen, ich mit meinen langen Läufen, zusammengerollt wie Raupen unter Steinen. Und alles, was Geräusche macht, alles, was einen Geruch oder Geschmack hat, und all die Dinge, die wir nicht wussten, und all die Dinge, die wir nicht kannten und uns nicht vorstellen konnten, trabten und sprangen und bewegten sich außerhalb des Leibes unserer Mutter. Bis die Geräusche anfingen. Die Schreie unserer Mutter, wie ein Bellen, heiser und schrill zugleich. Einer nach dem anderen. Einer nach dem anderen, was bedeutete, dass irgendwas passierte. Was bedeutete, dass die Zeit gekommen war. Die Dunkelheit wollte uns nicht mehr. Der höhlenartige Bauch unserer Mutter wollte uns nicht mehr. Zuerst mein Bruder, dann ich. Zuerst die Beine, dann der Rumpf. Drinnen waren wir nicht nass. Drinnen waren wir dunkel und warm. Draußen waren wir nass. Und die Augen wussten nicht, was Sehen war, weil sie noch nie gesehen hatten. Drinnen war alles dunkel, und sie wussten nicht, dass sie zum Sehen dienten. Die Lider geschlossen, ruhend. Draußen waren wir nass, und die Luft sagte uns, dass wir nass waren. Ihr seid nass, ihr seid nass, sagte sie. Und die Kälte war zum Verzweifeln. Und Mama kam mit einer Zunge, die warm war wie die Erinnerungen. Mit einer Zunge, die Angst und Blut ableckte.«
Legenden und Mythen werden in die Realität eingebunden
An anderer Stelle erzählt eine der toten Hexen, wie ein zorniger König vor langer Zeit seine drei Töchter, die in »ungläubige Mauren« verliebt und mit diesen in die Pyrenäen geflohen waren, in drei Berggipfel verwandelt hat: »… Und dort seht ihr sie, eine hinter der anderen, in den Armen ihrer Liebsten, die drei Gipfel der drei Schwestern, bedeckt von Schnee, sagte Eulàlia und wies auf die Berge.«

So bindet Irene Solà, die 1990 in Malla, Katalonien, geboren und in einem kleinen Dorf in den katalanischen Pyrenäen, nahe der französischen Grenze, aufgewachsen ist, die Legenden und Mythen, die Berge, die Natur mit den Tieren und Pflanzen ihrer Heimat in die reale Welt ihrer Figuren ein.
Und sie findet für ihre Geschichten, die man bei oberflächlichem Hinsehen für wenig aktuell und uninteressant halten könnte, eine so ganz eigene, großartige und faszinierende Form und Sprache, dass ich die Begeisterung, die ihr Roman in der literarischen Welt ausgelöst hat, sehr gut verstehen kann und den Preis, der ihr dafür verliehen wurde, mehr als verdient finde!
Der Roman Singe ich, tanzen die Berge (Originalausgabe: Canto jo i la muntanya balla, Editorial Anagrama, Barcelona, 2019) ist von Petra Zickmann hervorragend ins Deutsche übersetzt worden und ist als Taschenbuch im Fischer-Verlag erschienen.
Die Kurzgeschichtensammlung von Peter Bichsel Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen ist als Suhrkamp Taschenbuch erhältlich.




Liebe Ulrike,
ich freue mich sehr, dass Du über die Bücher von Peter Bichsel und Irene Solà ebenso begeistert warst wie ich.
Du hast aber Deiner Begeisterung in zwei Rezessionen Ausdruck verliehen,die hoffentlich Interessierte anregen werden,diese Bücher zu lesen und weiterzuempfehlen.
Liebe Sabine, vielen Dank für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr, dass du meine Rezensionen gelesen hast!
Liebe Ulrike, danke für Deinen Beitrag mit literarischen Entdeckungen! Deine journalistisch-reflektierenden Betrachtungen sind wunderbar informativ – Fortsetzung gerne mal wieder persönlich in München (z.B. Salontreffen 23.9.2026 18 Uhr Seidlvilla Schwabing).
Vielen Dank für deinen netten Kommentar, lieber Andreas!